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News vom Horten Zentrum, Dezember 2005
Der diagnostische Prozess
Die Diagnose ist eine zentrale medizinische Tätigkeit. Bevor man mit einer Therapie beginnt, sollte in der Regel eine Diagnose gestellt werden. Studierenden das diagnostische Denken zu lehren ist eine der schwierigsten Aufgaben der klinischen Lehrer. In einem Forschungsprojekt haben wir am Horten Zentrum in Zürich ein Modell erarbeitet, das in der klinischen Lehre eingesetzt werden kann. Den diagnostischen Prozess teilen wir in 6 Schritte ein (Abbildung). In einem ersten Schritt werden Informationen gesammelt. Der Patient schildert primär seine Beschwerden, weitere Informationen werden durch Befragen oder Untersuchen des Patienten erhoben. In einem zweiten Schritt werden die Symptome mit Attributen genauer beschrieben und damit auf eine abstraktere Ebene gebracht. Ein Patient mit Atemnot seit 2 Stunden hat eine ‚akute Atemnot’, oder ein Patient mit Knieschmerzen hat Schmerzen in nur einem Gelenk und zudem in einem grossen und nicht in einem kleinen Gelenk. Aus diesen detailliert beschriebenen Symptomen wird in einem dritten Schritt eine „mentale Repräsentation“ der klinischen Situation gebildet. Empirische Studien zeigten, dass dieser dritte Schritt ein wesentlicher Faktor ist, ob Studierende und noch nicht so erfahrene Ärzte zu einer Diagnose kommen oder nicht. Der vierte Schritt besteht im Vergleich der mentalen Repräsentation des klinischen Problems mit dem gespeicherten Wissen des Studenten über verschiedene Krankheiten. Dies kann als Mustererkennung beschrieben werden. Durch den Vergleich der Attribute des klinischen Problems mit den memorierten Attributen verschiedener Erkrankungen werden diejenigen identifiziert, die mit den Beschwerden des Patienten vereinbar sind. Das ist der fünfte Schritt, der im eigentlichen Sinn die Differentialdiagnose ist. Aus den meist mehreren möglichen Erkrankungen wird in einem sechsten Schritt die richtige Diagnose ausgewählt. Dazu müssen weitere Untersuchungen, wie Bluttests oder Röntgenbilder angefertigt werden.
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