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News vom Horten Zentrum, Oktober 2008
Wissenschaftliche und ethische Grundlage von Antibiotika-Studien bei der chronischen Raucherlunge COPD
Einen kürzlich publizierte Studie des Horten Zentrums für praxis-orientierte Forschung legt nahe, dass es für viele Vergleichsstudien zu Antibiotika bei Patienten mit der chronischen Lungenkrankheit COPD keine genügende wissenschaftliche und ethische Grundlage gab. Die Studie wurde am 10. Oktober in BMC Medicine publiziert (http://www.biomedcentral.com/1741-7015/6/28)
Sehr oft verschreiben Ärzte bei akuten Verschlechterungen der chronischen Lungenkrankheit COPD eines der vielen zur Verfügung stehenden Antibiotika, weil man als Ursache der akuten Verschlechterung einen bakteriellen Infekt vermutet. Diese akuten Verschlechterungen (Fachbegriff: Exazerbationen) sind gekennzeichnet durch eine Zunahme der Atemnot, des Hustens und des Auswurfs, welche zu einem Hausarztbesuch oder einer Hospitalisationen führen können. Mit dem Einsatz von Antibiotika erhofft man sich, dass sich Patienten schneller von der Exazerbation erholen. Leider gibt es derzeit noch keine verlaessliche diagnostische Methode um nachzuweisen, ob tatsächlich Bakterien für die akute Verschlechterung verantwortlich sind, so dass Antibiotika meist als „absichernde“ Therapie eingesetzt wird.
Es gibt eine hohe Anzahl von Therapiestudien, in denen verschiedene Antibiotika miteinander verglichen wurden. Theoretisch sind solche Vergleichsstudien sehr nützlich, weil sie Aufschluss darüber geben, welche in der Praxis verfügbaren Antibiotika am wirksamsten sind oder am wenigsten Nebenwirkungen aufweisen. Allerdings muss vor solchen Vergleichsstudien der Beweis erbracht werden, dass die Therapie, in diesem Fall Antibiotika, überhaupt wirksam ist. Ansonsten läuft man Gefahr, dass Therapien miteinander verglichen werden, welche gar nicht wirksam sind.
In einer systematischen Evaluation der vorhandenen Literatur haben nun Forscher der Universität Zürich und Universität Amsterdam wenig Evidenz dafür gefunden, dass Antibiotika bei akuten Verschlechterungen der COPD, welche keiner Hospitalisation bedüfen (entspricht etwa 90% aller akuten Verschlechterungen) wirksam sind. Es gibt nur sieben Studien, welche zwischen 1957 und 1995 die Wirksamkeit von Antibiotika im Vergleich mit Plazebo untersucht haben und in der Gesamtanalyse konnte kein Effekt auf die Erholungsrate festgestellt werden. Die Unsicherheit über die Wirksamkeit von Antibiotika wird auch dadurch dokumentiert, dass derzeit vier Studien laufen, welche bei Patienten mit einer ambulant behandelbaren Exazerbation Antibiotika mit Plazebo vergleichen. Nichtsdestotrotz wurden seit den 60er-Jahren mehr als 100 Studien durchgeführt, in denen zwei oder mehr Antibiotika miteinander verglichen wurden. Da der Beweis für die Wirksamkeit von Antibiotika aber noch nicht erbracht wurde, ist es wisseschanftlich und auch ethisch nur schwer verständlich, dass diese Studien durchgeführt werden konnten oder durften.
Es besteht Verdacht, dass die Durchführung von Vergleichsstudien auch in anderen Bereichen aus wissenschaftlicher und ethischer Sicht fraglich ist. Wie verbreitet dieses Problem ist müssen weitere Studien zeigen. Der wichtigste Ansatz, um dieses Problem zu reduzieren, wäre es, dass es zur Durchführung einer Therapiestudie unerlässlich wird, die Literatur vorgängig systematisch zu analysieren. Dadurch wird ersichtlich, ob eine neue Studie die bisherige Evidenlage bereichert und gerechtfertigt ist. Allerdings ist es bisher nur in Grossbrittanien erforderlich, solche „Systematic Reviews“ als Grundlage für neue Studien zu erstellen.
Kontakt
Milo Puhan, MD PhD
Horten Zentrum praxis-orientierte Forschung
Universität Zürich
Tel. +41 44 255 8709
email: milo.puhan@usz.ch
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