Lassen sich Ärzte bei ihren Entscheidungen von wissenschaftlichen
Kriterien leiten oder von ihren Gefühlen? Haben sie
das Über-mass an Daten im Griff oder sind sie im Griff
der Datenflut? Wie lassen sich bereits bestehende oder neue
Informationen kritisch beurteilen? Und inwieweit sollen Patienten
bei medizinischen Entschei-dungen mitbestimmen können?
Diese und andere drängende Fragen zum Gesundheits-wesen
standen im Brennpunkt des Horten-Symposiums vom 27. August
2003. Zahlreiche Fachleute aus dem In- und Ausland nutzten
diese Gelegenheit, um Aktuelles aus der Forschung und Praxis
zu hören und um gemeinsam Strategien zur Lösung
der Probleme unseres Gesundheits-systems zu entwickeln.
Organisiert wurde das Symposium von Professor
Johann Steurer. Der Mediziner, der seit rund vier Jahren
das Horten-Zentrum
für praxisorientierte Forschung und Wissenstransfer an
der Universität Zürich leitet, äusserte sich über
den Ablauf und den Ausgang der Veranstaltung sehr erfreut. „Die
Zuhörenden wurden mit verschiedenen neuen Ideen konfrontiert
und alle Teilnehmenden nutzten das Symposium für einen
regen Gedanken- und Infor-mationsaustausch. Dem Horten-Zentrum
brachte der Anlass insofern sehr viel, als dass wir unser Netzwerk
erweitern und neue Projekte mit internationalen Forschungsgruppen
initiieren konnten.“
Internationale Referenten
Für den Hauptvortrag konnte Johann Steurer Gerd Gigerenzer,
Professor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
in Berlin, gewinnen. Der mit verschiedenen, renommierten Buchpreisen
ausgezeichnete Psychologe fesselte die Zuhörenden mit
einem Plädoyer für eine heuristische Vorgehensweise
in der Entscheidungs-findung. Gigerenzer wies darauf hin, dass
sich die meisten praktizierenden Ärzte mit Rechnerei und
Statistik schwer tun. „Die letzte Statistikvorlesung
liegt in der Regel Jahre zurück und wer will schon immer
einen Taschenrechner auf sich tragen?“ Ganz zu schweigen
davon, dass viele Ärzte unter Zeitdruck stehen und darum
- laut Gigerenzer - gar nicht die notwendige Ruhe finden würden,
um die Fluten von Daten systematisch zu interpretieren.
Das von Gigerenzer postulierte, heuristische
Entscheidungsmodell «Take
the best – ignore the rest» ermöglicht Ärzten
auch unter Zeitdruck und ohne Hilfe eines Taschenrechners verantwortungsvolle
Entscheidungen zu treffen. Gigerenzer: „Anstatt soviel
als möglich Informationen zusammenzutragen, werden Informationen
nur so lange gesucht und verarbeitet, bis eine befriedigende
Basis für die Entschei-dungsfindung vorliegt.“
Eine wichtige Rolle bei dieser Vorgehensweise
spielen Informationen, die von Gigerenzer als «Cues» bezeichnet werden.
Der hochrangige Geistes-wissenschafter versteht darunter situations-spezifische
Merkmale, die in Bezug der zu treffenden Entscheidung unmissver-ständliche
Hinweise geben. „Nach ihrer Vorhersagegüte gewichtet,
lassen sich diese «Cues» in der Form sogenannter
Entschei-dungsbäumchen anordnen, welche es dem Arzt erlauben,
einen komplexen Entscheid in wenigen transparenten Einzelschritten
systematisch zu bewältigen.“
Take the best
Anhand verschiedener Studien konnten Gigerenzer und sein
Team nachweisen, dass sich dieses einfache Entscheidungsmodell
in
der Praxis genauso gut bewährt wie komplexe, statistische
Verfahren. Dass mit «Take the best» obendrein auch
Patienten Entscheidungsprozesse leicht nachvoll-ziehen können,
ist laut Gigerenzer einer der wichtigsten Vorzüge der
heuristischen Vorgehensweise. „Indem wir die Suche nach
guten Lösungen für ein Problem transparent gestalten,
können wir die nötige Grundlage für gemeinsame
therapeutische Entscheide schaffen.“
Mit diesen Worten sprach Gigerenzer aus
dem Herzen des nächsten
Sprechers: Olli S. Miettinen. Mit großer Spannung erwarteten
die Anwesenden den Vortrag des aus Finnland stammenden Professors,
welcher gegenwärtig an der McGill-Universität in
Montreal tätig ist. Miettinen, der sich seit Jahren mit
grundlegenden Fragen des Gesundheitswesens auseinandersetzt,
trat in seinem Referat vehement dafür ein, dass Patienten
wieder vermehrt in medizinische Entscheidungsfindungen einbezogen
wer-den. „Die traditionelle Haltung, dass nur der Arzt über
die Beanspruchung medizinischer Leistungen entscheidet, muss
dringend überdacht werden. Geht es um Fragen des Gesundheitssystems,
müssen in erster Linie die Patienten selber, letztlich
aber die gesamte Gesellschaft viel stärker zu Wort kommen
können.“
Gemeinsame Entscheidungsfindung
Laut Miettinen bedeutet dies, dass sich die Mediziner wieder
der urtümlichen Bestimmung ihres Berufsstands besinnen
müssen. „Die Aufgabe der praktizierenden Ärzte
besteht nicht allein im Heilen, sondern auch im Lehren. Es
gehört zur Pflicht der Mediziner, Transparenz herzustellen
und Patienten umfassend über ihren Gesundheitszustand
zu informieren, damit sie fähig sind, autonom über
Therapien zu entscheiden.“
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Schliesslich wies der
Gesundheitsexperte darauf hin, dass die wenigsten Ärzte
akzeptieren können, dass für viele Menschen Lebensqualität
mehr beinhaltet als nur Gesundheit. „Raucher nehmen,
um des Genusses willen, bewusst die Gefährdung ihrer
Gesundheit auf sich. Können wir das nicht tolerieren,
entwickeln wir uns schnell einmal zu Gesundheitsterroristen.“
Nutzen-orientierte
Medizin
Damit sich die Probleme unseres Gesundheitswesens
lösen
lassen, muss es laut Miettinen einen gewaltigen Um-denkungsprozess
in der Medizin geben. „Anstatt einer wirksamkeits-orientierten
benötigen wir eine nutzen-orientierte Medizin. Eine
wichtige Voraussetzung für diesen Umdenkungsprozess
ist die kritische Bewertung medizinischer Forschungs-ergebnisse.“
Damit gab Miettenen das Stichwort für die beiden nächsten
Redner: Dr. Khalid Kahn und Dr. Lucas Bachmann. Khalid Kahn,
ehemaliger Mitarbeiter des Horten-Zentrums, arbeitet am Brigham
and Women's Hospital in Boston. Mit grosser Aufmerksamkeit
folgten die Zuhörenden seinen Ausführungen über
die Implementierung der Evidence-Based Medicine im Spitalalltag.
In seinem Referat betonte Khalid Kahn die
praktische Bedeutung einer kritischen Interpretation diagnostischer
Tests. „Wird
die Aussagekraft medizinischer Tests falsch verstanden, besteht
die Gefahr, dass nicht nur materielle Ressourcen verschwendet
werden, sondern dass auch Patienten einem unnötigen
Risiko ausgesetzt werden. Wer einen diagnostischen Test durchführt,
muss sowohl ein positives wie auch ein negatives Ergebnis
richtig interpretieren können.“
Kahn wies ausserdem darauf hin, dass viele Ärzte die
Neigung hätten, für eine Diagnose alle zur Verfügung
stehenden Tests durchzuführen. „Es ist völlig
verständlich, dass ein Arzt auf diese Weise versucht,
Restunsicherheiten zu minimieren. Sowohl unter ökonomischen
wie auch unter menschlichen Gesichtspunkten macht es aber
wenig Sinn, einen Patienten ad infinitum Tests zu unterziehen.
Irgendwann kommt der Punkt, an dem der Nutzen eines zusätzlichen
Tests zu klein ist, um den Aufwand zu rechtfertigen.“ Der
Entscheid, wann dieser Punkt überschritten wird, muss
gemäss Kahn auf Daten beruhen. Gefragt ist Rationalität,
nicht Gefühl.
Meta-Analysen unter der Lupe
Wie schwierig es ist, den Mehrwert, welcher durch die Durchführung
eines diagnostischen Tests erzielt wird, richtig einzuschätzen,
zeigten die Ausführungen von Lucas Bachmann. Der Mediziner,
der als Projektleiter am Horten-Zentrum arbeitet, legte aus,
wieso selbst Meta-Analysen, die im Prinzip nach wissenschaftlichen
Kriterien durchgeführt werden, zu Fehleinschätzungen
kommen können. „Meta-Analysen betrachten einen
Test in der Regel von seiner Umgebung isoliert. Das Wissen,
das sich der Arzt im Gespräch mit dem Patienten aneignet,
wird meistens nicht berücksichtigt.“
Laut Bachmann kommt dadurch der Test häufig zu gut weg. „Nehmen
wir zum Beispiel die Ultraschall-Behandlung. Isoliert betrachtet,
wird ihr bei der Diagnose einer Blinddarmentzündung
grosse Bedeutung beigemessen. Berücksichtigt man aber,
dass der Arzt aufgrund charakteristischer Merkmale bereits
anhand einer klinischen Unter-suchung eine sehr sichere Diagnose
stellen kann, wird schnell einmal deutlich, dass durch die
Ultraschall-Anwendung nur wenig Mehrwert an Information erzielt
wird.“
Da solche Erkenntnisse bei der Bewertung
und Rechtfertigung von Gesundheits-leistungen eine entscheidende
Rolle spielen,
haben sich die Mitarbeitenden des Horten-Zentrums dazu entschieden,
bereits publizierte Studiendaten über die Anwendung
der Ultraschallbehandlung und Hysteroskopie bei schwangeren
Frauen ein zweites Mal zu analysieren. Diesmal allerdings
mit Einbezug der Patientendaten. Aufgrund der hohen Populationszahl – Bachmann
rechnet mit Daten von rund 15'000 Patientinnen – wird
es noch einige Zeit dauern, bis die ersten Ergebnisse dieser «Re-Analyse» vorliegen
werden. Ange-sichts der Brisanz dieses Themas lässt
sich aber bereits jetzt mit grosser Sicherheit voraussagen,
dass die Resultate nicht nur in Medizinerkreisen für
Aufheben sorgen werden.
Barbara Baumann
Anmerkung:
Wenn die Wörter «Arzt», «Mediziner» oder «Patient» verwendet
werden, versteht man damit gleichermassen Ärzte und Ärztinnen,
Mediziner und Medizinerinnen oder Patienten und Patientinnen. |