Wirtschaft Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,
27.06.2004, Nr. 26, S. 34

"Ärzte spielen mit der Angst"
Denn wenn es um Leben und Tod geht, bleibt die Vernunft auf der Strecke

Herr Steurer, kann der Patient zum Kunden werden?

Er könnte, will es aber häufig nicht.

Warum?

Weil der Patient ahnt, daß der Arzt sein Leben in der Hand hat. Dazu braucht es viel Vertrauen. Zwischen Arzt und Patient besteht auch eine irrationale Beziehung, bei der es manchmal archaisch zugeht.

Haben Sie Beispiele?

Ein erfahrener Arzt bekommt Magenkrebs und weiß aus 50jähriger Berufserfahrung, daß er in einem Monat sterben wird. Trotzdem telefoniert er durch die halbe Welt und fragt seine Kollegen nach einer Diagnose. Dabei kennt er die Diagnose bestens. Selbst Mediziner verfallen, wenn sie krank sind, in irrationiales Verhalten.

Und dieses irrationale Verhalten nutzen die Ärzte - unbewußt - für ihr Geschäft aus.

Es ist vor allem die Angst, mit der Ärzte spielen können. Sie brauchen zu ihrem Patienten nur zu sagen: "Mir gefallen Ihre Lippen heute gar nicht." Und schon steckt der Patient in der Angstfalle.

Das heißt: Die Ärzte machen die Menschen erst krank, um sie hernach aufwendig zu heilen?

Das sind populäre Übertreibungen.

Aber die Ärzte treiben die Menschen zu Behandlungen und Operationen, die gar nicht nötig sind.

Finden Sie nicht auch, daß es besser ist, zehn Blinddärme zu operieren, die nicht entzündet sind, als einen zu vergessen?

Nach dieser Logik ist es auch besser, alle Männer zur Vorsorge vor Prostatakrebs (PSA) zu zwingen.

Das passiert leider auch. Sobald der PSA-Wert erhöht ist, sind Sie in der Angstfalle. Wiewohl erhöhte PSA-Werte noch gar nichts aussagen, ob jemand Krebs hat. . .

. . .und die Medizinmaschine läuft. . .

Ja. Denn dann kommt als nächstes die Biopsie - das sind ziemlich unangenehme Stiche in das Gewebe.

Und wenn es Krebs ist, wird operiert, auch wenn das Risiko der Prostataoperation sehr hoch ist. Der Patient kann impotent oder inkontinent werden.

Stimmt. Zudem ist nicht bewiesen, daß durch die Operation auf längere Sicht ein positiver Effekt entsteht. Sicher ist nur, daß der Krebs weg ist.

Aber die Operationsfolgen können desaströs sein.

Leider ja. Ich weiß von einem 54jährigen Mann, der sich nach den allerneuesten Methoden mit einem Roboter operieren ließ. Heute muß er Windeln tragen und ist vollkommen impotent.

Dann wären doch Prostataoperationen ein guter Fall, wo die Menschen selbst über ihre Präferenzen - Krebs oder Impotenz - entscheiden können?

Das ist schon richtig. Das Dumme ist nur, daß der Arzt dem Patienten nur statistische Wahrscheinlichkeiten anbieten kann.

Was heißt das?

Ein Beispiel: Wenn 1000 Patienten sich dieser Operationen unterzogen haben, leben sie im Schnitt fünf Jahre länger. Aber diese fünf Jahre spreizen sich in eine Bandbreite der Wahrscheinlichkeit von zwei bis 27 Jahren. Wir kennen nur die mathematische Verteilung des Überlebens. Wir wissen aber nie, wo sie sich auf der Verteilungskurve aufhalten.

Zu dumm. Wie treffen wir dann Entscheidungen?

So rational wie möglich - wie sonst auch. Aber zwischen einem Autokäufer und einem Patienten ist eben ein Unterschied. Der Autokäufer kann klar wählen. In der Medizin sind viele Entscheidungen mit hoher Unsicherheit behaftet. Ich kann nur mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit prognostizieren, zu welchem Ergebnis meine Entscheidung führen wird.

ank.

Johann Steurer ist Leiter des Horten-Zentrums für praxisorientierte Forschung und Professor für Medizin an der Universität Zürich.

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